
Auf der Rückfahrt von der Degustation für den Bioweinpreis der Biofach 2008 hatte ich mir für die Zugfahrt passende Lektüre mitgenommen: Marios Scheuermanns Büchlein "
Wein und Zeit ", das aus mehreren kurzen Essays besteht. "
cpv statt COS" heisst der letzte Aufsatz im Buch, dessen erste Absätze die Eindrücke der gerade vergangenen Verkostung thematisieren - die "Parkerisierung" der Weine.
Es ist ein allgemein bekannter Umstand, dass die Weine alkoholreicher und konzentrierter werden, weil das - angeblich - der Markt so will. Holz wird auch eingesetzt, so weit, so gut. Aber dass immer noch Weine durchs Holz erschlagen werden, und diese dann auch noch zur Verkostung angestellt werden - das ist mir ein Rätsel. Über solche Weine stolperte man vor allem in deutschen Anbaugebieten, nicht nur an der Ahr. Namen kann ich hier nicht nennen, da es sich um eine Blindverkostung handelte - ich will es aber auch gar nicht. Oft wurden diese Weine sehr positiv bewertet.

Umgekehrt wurden Weine, die einen wirklich individuellen Charakter aufwiesen, abgewertet - beispielhaft war hier die Diskussion um eine Cuvée, über die folgendes bekannt war: Rebsorten Corvinara, Rondinella und Molinara, Herkunft Venetien, Jahrgang 2006. An diesem Wein entzündete sich eine lebhafte Diskussion. Oxidativ, Fehltöne, Bittertöne hiess es auf dem Bewertungsbogen - wein-plus Verkoster Karl Bajano hielt dagegen, es handele sich hier um einen wirklich klassisch gemachten Valpolicella, wie es nur noch wenige gebe. Leidenschaftlich plädierte er für diesen Wein, den er bei wein-plus mit „sehr gut“, also zwischen 80 und 84 Punkten bewertet hätte - hier wurde er fast von der Bewertung ausgeschlossen. Zugegeben, was in der Nase ankam, war diskussionswürdig, auch etwas oxidativ, sicher richtig. Aber was, wenn das genau der Valpolicella ist, wie er nicht exportiert, auch schon in der Region selten geworden ist, wie Karl Bajano anführte? Ist das nicht ein wirklicher Ausdruck von Authentizität, von Terroir gar? Und am Gaumen präsentierte sich dieser Wein blitzsauber, intensiv, mit langem Nachhall - wirklich eindrucksvoll. Wie will man einen solchen Wein bewerten?
Ein anderes Beispiel, auch aus Italien: ein Refosco, wurde als säuerlich und grünlich bezeichnet. Sicher, ein gewöhnungsbedürftiger Wein. Aber das ist eben ein Refosco, der nicht durch Holz „versüßt“ ist - der schmeckt - naja - eben sehr individuell. Man mag ihn mögen oder eben nicht - aber es ist eben ein einzigartiger Wein, mit eigenem Charakter und so gar nicht "parkerisiert". Wie will man diesen Wein bewerten - mit Punkten? Das greift zu kurz.
Und hier setzt Mario Scheuermann mit seinem Plädoyer "für eine andere Mathematik des Weines" ein. Der eben genannte Valpolicella wies vielleicht handwerkliche Fehler auf, aber:
"[Würde man ihn so bewerten], wäre der Wein mit der niedrigsten Fehlerzahl der beste, und nicht der mit den meisten Inhaltsstoffen. Aber wäre der Wein mit 0 Fehlern auch der beste? Er wäre wohl der klarste, hygienisch einwandfrei. Aber er wäre wohl auch oberflächlich, ohne Ecken und Kanten und somit charakterlos."

Eine provokative These, aber ich stimme ihr zu. Im weiteren versucht sich Mario Scheuermann darin, eine Formel zur Beschreibung eines solchen Weines zu finden; setzt mathematische Konstanten, Parameter und Variablen ein, die ihm gerecht werden können: Konstanten sind die Definition von Wein, seine Inhaltsstoffe. Parameter,die auf den Wein Einfluß nehmen, sind z.B. der Ausbau im Keller, die Lagerung oder der Flaschenverschluß. Und die Variablen, die dafür verantwortlich sind, wie unsere Rezeption des Weines ausfällt - das sind wir selbst: unsere Stimmung, unsere Gesellschaft, unsere kulturelle Prägung. So weit die Theorie. Und wie rechnen wir das dann aus? Die Formel bleibt Scheuermann schuldig (kann man sie überhaupt angeben?), aber sein Verdienst ist es, diese Problematik deutlich und lesenswert dargestellt zu haben.
Punkte zu vergeben, ist sicherlich notwendig, wenn man Weine vergleichen, gar Preise vergeben will. Aber Punkte können nie einen Wein ganz erfassen, ihm gerecht werden. Wahre Objektivität kann es bei der Beurteilung eines Weines nicht geben - das zeigen auch ganz unterschiedliche Bewertungen eines Weines von den Experten. Wir sollten Punktbewertungen also nehmen als das, was sie sind: ein schnödes Hilfsmittel.
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